Die künstlerische Krise

Michael Ende zur Zeit seiner Beschäftigung mit Bertolt Brecht.
Michael Ende zur Zeit seiner Beschäftigung mit Bertolt Brecht.

Hatte Michael Ende 1955 nach der Lektüre der Stücke von August Strindberg noch das Theaterstück Die Hässlichen verfasst, das unveröffentlicht geblieben ist, so gerät er in der Zeit darauf in eine ernste literarische Krise. Ausgelöst wird sie durch seine Auseinandersetzung mit den kunst- und theatertheoretischen Schriften Bertolt Brechts, vor allem mit dessen "Das kleine Organon", das Michael Ende sehr beeindruckt. Einmal begegnet er dem damaligen großen Meister des deutschen Theaters sogar persönlich: Während seiner Ausbildungszeit in der Otto-Falckenberg-Schule hatte der junge Schauspieler in einer Münchner Aufführung der Mutter Courage unter Bertolt Brechts Regie ein kleines Röllchen erhalten. Er empfindet damals aber keine Sympathie für sein großes Vorbild: "Ich habe nie einen Regisseur erlebt, der so mies mit den Bühnenarbeitern umging, sie kujonierte und ihnen nicht einmal, wie es üblich war, zur Premiere einen Kasten Bier stiftete. Mit den weniger berühmten Schauspielern hat er überhaupt nicht gesprochen. Das überließ er den zwanzig Assistenten, die ihn umgaben.

Natürlich haben wir uns sehr für ihn interessiert. Im Theaterhof stand sein alter, klappriger Wagen. Da haben wir sofort unter die Motorhaube geschaut und gesehen, dass ein nagelneuer Mercedes-Motor drin war. Das war also reine Prolet-Show. Er hat sich ja auch seinen Stalin-Preis in Schweizer Franken auf eine Schweizer Bank überweisen lassen." Unabhängig aber von seinem persönlichen Eindruck von dem Menschen Bertolt Brecht steht Michael Ende ganz unter dessen geistigem Diktat. Er ist fest davon überzeugt, man könne nur auf seine Art noch für das Theater schreiben.
Die Auseinandersetzung mit der Kunstauffassung Bertolt Brechts führt Michael Ende in einen Engpass, in dem es nicht mehr weitergeht. In einem öffentlichen Gespräch, das er 1985 mit Joseph Beuys führt, schildert er seine künstlerische Krise von damals wie folgt: "Sehen Sie, ich habe schwer an Brecht laboriert, einige Jahre lang, weil ich in meiner Anfängerzeit halt in die Netze seiner Argumentation geraten bin. Ich bin zunächst einmal reingefallen auf seine ganzen Theorien und habe das alles für bare Münzen genommen und habe tatsächlich gedacht, dass er selbst sich daran gehalten hätte. Ich habe dann lang nachdenken müssen, bis ich gemerkt habe: Er hat sich selber herzlich wenig daran gehalten."

Für Bertolt Brecht dienen letztlich Theater und Literatur nur dazu, den Leser oder den Betrachter zu indoktrinieren oder jedenfalls gesellschaftspolitisch aufzuklären. Diese Haltung ist für Michael Ende inakzeptabel, da sie voraussetzt, dass der Schriftsteller der Aufklärer und der Zuschauer oder Leser der Aufzuklärende seien. Er selbst aber geht keineswegs davon aus, dass ein Leser "ein bisschen dümmer oder unwissender als der Autor [sei] und zum Denken gebracht werden [müsse]. Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass mein Leser mindestens genauso gescheit und aufgeklärt ist wie ich. Was will ich ihn lehren? Ich will meinen Leser zunächst einmal unterhalten. Ich will ihn zu einer Art gemeinsamem Spiel einladen, und wenn er sich auf das Spiel einlässt, wird er dabei einiges erleben, was ihn vielleicht innerlich reicher macht. Wenn es gut ist, was ich geschrieben habe, wird es ihn vielleicht sogar glücklich machen. Meine Leser sollen sich nicht nachträglich schämen müssen, gelacht und geweint zu haben bei dem Spiel, das ich ihnen vorgeschlagen habe, vielleicht hat es sie sogar durchgeschüttelt, aber sie kommen - und wenn es nur ein paar Stunden anhält - mit frischgebügelter Seele heraus."