Auf dem Höhepunkt der Popularität

Michael Ende, 1980
Michael Ende, 1980
Michael Ende, 1978/79
Michael Ende, 1978/79

Michael Ende ist nicht der erste Schriftsteller, der seine Popularität als Last empfindet. Aber sie nimmt teilweise groteske Formen an. Begeisterte Leser reisen aus Deutschland sogar zum italienischen Domizil von Michael Ende nach Genzano di Roma, um "ihren Schriftsteller" zu begrüßen und ihm ihre Gedanken mitzuteilen. Ohne Anmeldung, ja ohne auch nur an der Tür zu klingeln, dringen sie in seinen Garten und in sein Haus ein. "Nachdem sie den Petersdom besichtigt haben, gehen sie den Ende besichtigen. [...] dann stehen plötzlich Leute mit ihrer ganzen Familie vor mir und gucken mir beim Essen zu." Zunehmend fühlt Michael Ende sich als eine "öffentliche Einrichtung". Andererseits fällt es ihm nicht ganz leicht, die Leute wegzuschicken, die häufig tief gekränkt reagieren.

Täglich trifft körbeweise Post ein, meistens von begeisterten Lesern, die sich für seine Bücher bedanken, Fragen zu einzelnen Episoden stellen und mehr über seine Art zu denken erfahren möchten. Es gibt aber auch Briefe, in denen die Schreiber Probleme aller Art bei Michael Ende abladen - psychologische oder finanzielle, amouröse oder gesundheitliche, philosophische oder politische. Anfangs beantwortet Michael Ende seine gesamte Leserpost, doch da sie täglich zunimmt, beschränkt er sich schließlich auf die Beantwortung einiger weniger Briefe. Traude Hocke, die Frau des benachbarten Kunsthistorikers, hilft ihm dabei.Die Ereignisse in der Außenwelt werden für Michael Ende in diesen Jahren immer dichter: Am 11. Januar 1981 wird im Stadttheater Regensburg, Theater am Haidplatz, unter der Regie von Detlef Mejerjohann die musikalische Fabel in drei Akten Der Lindwurm und der Schmetterling oder Der seltsame Tausch uraufgeführt, zu der Wilfried Hiller die Musik komponiert hat. Das Stück ist bis heute über 300 Mal aufgeführt worden, unter vielen anderen auch vom Staatstheater Darmstadt, dem Opernhaus Zürich und dem Salzburger Landestheater. Illustriert von Manfred Schlüter erscheint die Geschichte auch als ebenso erfolgreiches Bilderbuch, das von der Stiftung Buchkunst unter "Die schönsten Bücher der Bundesrepublik" gewählt wird.

Im April besucht der Religionsphilosoph Friedrich Weinreb Michael Ende und seine Frau Ingeborg Hoffmann in ihrem Haus in Genzano di Roma. Nach dieser für Michael Ende wichtigen Begegnung besucht er bis zu seinem Tod regelmäßig die von Friedrich Weinreb veranstalteten "Brunnenhof-Seminare" in Zürich, bei denen Weinreb von den kabbalistischen Auslegungen des Alten Testamentes erzählt. Auch über ihn, so behauptet Michael Ende später, wird er seinen christlichen Glauben erst in seiner wahren Bedeutung begreifen.
Wenige Monate später, immer noch im Jahre 1981, wird die musikalische Fabel in Rondo-Form Tranquilla Trampeltreu, die beharrliche Schildkröte im Theater am Faden im Stadtmuseum München uraufgeführt. Die Fabel erscheint ein Jahr später unter dem gleichen Titel als ein "Bilderbuch mit Noten".1981 erhält Michael Ende für Die unendliche Geschichte den Europäischen Jugendbuchpreis wie auch für sein Gesamtwerk den Janusz-Korczak-Preis. Im gleichen Jahr wird ihm und Wilfried Hiller auch der Deutsche Kinder- und Jugendschallplattenpreis für Tranquilla Trampeltreu und Der Lindwurm und der Schmetterling überreicht.

Vor allem die Verleihung des Janus-Korczak-Preises bedeutet Michael Ende viel: Die seit 1979 verliehene Auszeichnung wird zum Andenken an den polnischen Pädagogen jüdischen Glaubens vergeben, der auf eine Flucht aus Polen zugunsten der jüdischen Kinder im Warschauer Ghetto verzichtet hatte und freiwillig mit ihnen in die Gaskammer zog.
Erhard Eppler, SPD-Politiker, und Hanne Tächl, Leiterin des kommunalen kontaktt(h)eaters in Stuttgart, führen im November 1981 mit Michael Ende in dessen Haus ein langes Gespräch über Phantasie/Kultur/Politik, das 1982 als Buch erscheint. Es ist die Zeit der großen Friedensmärsche gegen die atomare Aufrüstung. Viele der Protestmarschierer tragen das Buch Momo unter dem Arm. Verschiedene politische Parteien in Deutschland und Italien versuchen Michael Ende für sich zu gewinnen, doch er will ein freier Schriftsteller bleiben.

1982 erscheint das aufwendig ausgestattete Buch Die Schattennähmaschine mit zahlreichen Gedichten von Michael Ende. Die Illustrationen und die Gesamtgestaltung des Buches stammen von Binette Schroeder. In Japan wird Die unendliche Geschichte mit dem japanischen Buchpreis für die beste Übersetzung aus der Gegenwartsliteratur ausgezeichnet. Mariko Sato, seine zukünftige zweite Frau, hatte das Buch mitübersetzt. In Italien erhält Michael Ende für sein Gesamtwerk den Preis Lorenzo il Magnifico wie auch Bronzi di Riace (Kiwanis-Literaturpreis), und in Deutschland wird er zum Autor des Jahres gewählt.
Das Theaterstück Das Gauklermärchen. Ein Spiel in sieben Bildern sowie einem Vor- und Nachspiel erscheint als eines der ersten Bücher des Weitbrecht Verlags, der von Hansjörg Weitbrecht, Gunter Ehni und Roman Hocke als Imprint-Verlag des K.Thienemanns Verlags 1982 gegründet wird. Hier erscheinen in den nächsten Jahren neben vielen Werken phantastischer Literatur aus der Gegenwart und Vergangenheit auch diejenigen Werke Michael Endes, die sich nicht an Kinder und Jugendliche, sondern an eine erwachsene Leserschaft richten.