Phantasie ist die schöpferische Kraft des Menschen, seine Fähigkeit, sich auszudenken, was es in der Welt nicht gibt. Jeder Mensch kann in jeder Situation schöpferisch sein – als Arzt, als Beamter, als Gärtner, Arbeiter, Hausfrau, im Gespräch, im Traum, kurz: immer und überall. Unter den zahllosen Möglichkeiten, schöpferisch zu sein, verwirklicht der Künstler eine ganz besonders: Er ist Schöpfer neuer Schönheiten.
»Die schöpferische Kraft im Menschen vermehrt, stärkt, steigert das Sein, mit dem sie in Berührung kommt, ganz gleich in welchem Beruf. Sie ist die Fähigkeit des Menschen, die Wirklichkeit des Seienden vollkommen zu machen. Deshalb ist die schöpferische Kraft die höchste aller menschlichen Kräfte. Sie lässt sich allerdings weder begründen, noch erlernen, aber ich bin davon überzeugt, dass sie in jedem Menschen angelegt ist, dass darin seine wahre Gottähnlichkeit liegt – oder auch seine Identität mit Gott.
Die höchste Form dieser schöpferischen Kraft ist die Liebe. Nicht jene Liebe, die in irgend einer Weise die Vereinigung von Gegensätzen herbeiführen will (eros), sondern die substanzielle (nicht akzidentelle) Liebe, deren einziger und leidenschaftlicher Wille darin besteht, dass ihr Gegenstand sei, ganz und ohne Einschränkung sei. Es gibt keine Kraft, keinen Willen, keinen Zustand, der über ihr ist. Sie ist der Kether, die Krone des kabbalistischen Lebensbaumes.«
Die uralte Morla sagt über die Kindliche Kaiserin, die Verkörperung der Phantasie: „Ihr Dasein bemißt sich nicht nach Dauer, sondern nach Namen.“ (S. 68) Phantasie muss sich also immer ändern, um weiter zu existieren. Die wichtigste Eigenschaft der Phantasie ist es, offen und nicht statisch zu sein – wie die Kindliche Kaiserin. Ist sie das nicht, droht das Nichts. Bastians Aufgabe ist es also, die Phantasie zu verändern und sie so am Leben zu erhalten.
Alles, womit wir leben, sind Vorstellungen. Wir kennen nicht die Wirklichkeit, sondern nur unsere Vorstellung von ihr.
Michael Ende spezifizierte: «In unserer langen Entwicklungsgeschichte haben wir Menschen zwar die Fähigkeit erworben, auf Gefahren zu reagieren, die wir sehen, hören und fühlen können, d.h. kurz, denen wir unmittelbar gegenüberstehen. Was wir offenbar noch nicht allgemein gelernt haben, ist, auf Bedrohungen zu reagieren, die wir selbst hervorrufen, die aber erst ein, zwei oder drei Generationen nach uns ihren katastrophalen Charakter offenbaren werden. Wir zerstören auf törichte und fahrlässige Weise die Welt unserer Enkel und Urenkel. Sie werden die Zeche zahlen müssen für unser absurdes und egoistisches Verhalten der Natur und ihren schon längst nicht mehr unerschöpflichen Schätzen gegenüber. Und es wird eine teure Zeche werden, wenn wir nicht sofort zur Vernunft kommen.
Dazu müssen wir alle eine Fähigkeit entwickeln, die Goethe »exakte Phantasie« nannte. Wir müssen lernen, völlig neue Begriffe und Vorstellungen zu bilden oder die bestehenden in ganz neue, ungewohnte Zusammenhänge zu bringen. Wir müssen lernen, unser Denken aus jeder Starrheit zu erlösen und beweglich zu machen. Ich bin davon überzeugt, dass fast alle Kinder diese Gabe von Natur aus besitzen und dass sie sie behalten können, wenn sie ihnen nicht mit Gewalt aberzogen wird. Das freie Spiel und die künstlerische Betätigung sind die besten Mittel, um »exakte Phantasie« zu entfalten und zu pflegen. Lassen wir diese Anlagen verkümmern, dann werden wir und die kommenden Generationen die Probleme unserer Zivilisation nicht lösen können. Darum bitte ich besonders alle Leser und Erzieher um ihre Mithilfe, den Weg frei zu machen für ein neues, lebendiges und dem Leben zugewandtes Denken.«