In der Klitsche

Michael Ende, 1949
Michael Ende, 1949
Michael Ende, 1950er
Michael Ende, 1950er

Nach der Ausbildung folgt die Praxis: Michael Endes Zeit als Schauspieler ist für den an der renommierten Schauspielschule der Münchner Kammerspiele Ausgebildeten eine herbe Ernüchterung. Während er zuvor an Diskussionen über Theaterfragen von höchstem Anspruch gewohnt ist, kommt er nun an ein Provinztheater: die Landesbühne Schleswig-Holstein, deren Truppe vor allem mit einem Bus unterwegs ist. Solches Reisetheater trägt den halb verächtlichen Namen Klitsche. Man spielt dort meist auf improvisierter Bühne im Dunst von Bier und Zigarettenqualm und zu dem Donnergetöse naher Kegelbahnen. Auch was das Spielen selbst angeht, erlebt Michael Ende eine Enttäuschung. Trotz seiner schwarzen Locken wird er nicht ein einziges Mal als romanischer Liebhaber, was ja sein Fach ist, eingesetzt. Stattdessen muss er ständig alte Männer und Intriganten darstellen; statt den Leonce spielt er in Büchners Leonce und Lena den zweiten Kammerdiener. Für das Lernen der Rollen bleibt meist zuwenig Zeit.

Auch wenn diese erste Theaterzeit sehr entmutigend und frustrierend ist, so betrachtet Michael Ende sie nachträglich als eine wichtige Lernerfahrung, der er eine wirklichkeitsnahe, geradezu handwerkliche Einstellung zu seiner Tätigkeit verdankt: "Das ist gut, das ist gesund. Jeder, der schreiben will, sollte irgendeine Schule dieser Art durchmachen. Es muss nicht Theater sein, auch irgendein normales Handwerk, Schreiner z.B., wo man lernt Schränke zu bauen, so dass die Türen richtig sitzen", könne mehr bewirken als ein Literaturstudium. Jedenfalls sind jene Klitsche-Zeiten für seine schriftstellerische Entwicklung sehr ergiebig. Wie schon während seiner Ausbildungszeit beschäftigt er sich auch weiterhin durch Lektüre und Gespräche mit Fragen der Theaterdramaturgie. Dabei stößt er unvermeidlicherweise auf die theoretischen Schriften von Bertholt Brecht. Das szenische Schreiben, das gesprochene Wort gelten ihm mehr als das geschriebene. Erst hier wird Sprache für ihn lebendig. Brechts wegweisende und neue Ideen faszinieren ihn ungemein. Auch wenn er das Ideologische darin ablehnt, werden die Richtlinien für das epische, das nicht-naturalistische und nicht-psychologische Theater wichtig für ihn. Zeitlebens wird er den proletarischen Meister als großartigen Dichter bezeichnen.

Eine persönliche Begegnung enttäuscht ihn jedoch zutiefst. Unmittelbar nach seiner Ausbildung an der Otto Falckenberg-Schule erlebt Ende Brecht bei der Probenarbeit zur Mutter Courage an den Münchner Kammerspielen. Er fühlt sich von Brechts Arroganz und herablassender Art, mit Arbeitskollegen umzugehen, abgestoßen.
1951 kehrt Michael Ende nach München zurück; im Gepäck hat er die Komödie Sultan hoch zwei. Er liest sie "sämtlichen Dramaturgen der Münchner Theater und sämtlichen Lektoren der Theaterverlage [vor], doch nachdem ich das Manuskript zugeklappt hatte, gingen sie zu ihren vorher abgebrochenen Gesprächen über. Von meinem Stück war keine Rede mehr" . Im gleichen Jahr malt Edgar Ende, nach einem Traum seines Sohnes, das Portrait von Michael Ende.